4/2014

Pfarrer Thomas Markert

Pfarrer Thomas Markert

Schönheit liegt im Auge des Betrachters
Es liegt in der Natur des Menschen, sich selbst zumeist in einem guten Licht zu sehen. Unsere Pläne und Absichten erscheinen uns selbst gut und richtig, unsere Sicht auf die Dinge manchmal auch wie das Maß aller Dinge. Was bei uns schief läuft, blenden wir gerne aus, haben Mühe, dazu zu stehen. Unsere Grenzen, gar unser Versagen sind nicht unbedingt unser Lieblingsthema. Im Gegenteil, es fällt schwer darüber zu reden. Wir wollen gerne besser sein, besser dastehen, in den Augen anderer besser scheinen, als wir sind.
Und diese Sichtweise haben wir oft auch auf unsere Angehörigen, zumindest wenn sie gestorben sind. Bei Beerdigungen begegnet mir manchmal dieser Wunsch, über den Verstorbenen doch möglichst nur Gutes zu sagen. Das Misslungene, Schwierige, Schuldbeladene möglichst nicht oder nur am Rande erwähnen! Es könnte sonst schnell wie eine Abrechnung wirken, es könnte wie ein böses Nachtreten aussehen.
Ich kann diesen Wunsch gut nachvollziehen, weil darin der Versuch zum Ausdruck kommt, die Würde der Verstorbenen zu wahren, aufrecht zu erhalten. Aber geht das? Vielleicht sogar um den Preis der Wahrheit? Das unerwähnt lassen, was doch sowieso die meisten wissen oder zumindest ahnen? Wird etwas heller, indem man seine Schattenseiten verdeckt?
Ich glaube, das funktioniert nicht. Und ist auch nicht nötig, um die Würde eines Menschen zu bewahren: Die größte Würde von uns Menschen besteht nicht in unserer Lebensleistung, ergänzt durch das Ausblenden von Fehlern und Schuld. Die größte, letzte, die eigentliche Würde von uns liegt darin, dass wir – jeder von uns – von Gott liebevoll angesehen sind, dass wir von Gott gewollt und von ihm auch mit offenen Armen empfangen werden, egal, was wir mitbringen.
Das möchte ich bei jeder Beerdigung deutlich machen. Und das will ich anderen und auch mir selbst schon im Leben immer wieder sagen: Unsere Schönheit liegt im Auge des Betrachters, im Auge Gottes. Wir müssen sie nicht selbst mühsam verteidigen oder krampfhaft als Fassade aufrecht erhalten.
Karfreitag heißt auch: Unsere falschen, überhöhten, Selbstbilder, unsere geschönten Fassaden sind zum Sterben verurteilt. Und das kann sehr schmerzhaft sein.
Aber Ostern heißt auch: Gott sorgt dafür, dass unsere Würde aufersteht. Wir werden durch Ehrlichkeit nicht verlieren, wir können uns wieder sehen lassen, so wie wir sind.
Karfreitag stirbt unser Versuch, uns selbst oder andere schön zu reden. Und Ostern steht in uns die Gewissheit auf, dass es darauf auch nicht ankommt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein bewusstes und zuversichtliches Zugehen auf Karfreitag und das Osterfest, Ihr Pfr. Thomas Markert