11/2015

Pfarrer Thomas Markert

Pfarrer Thomas Markert

„Das ist mal wieder typisch“

Morgen beginnt sie, unsere Familienrüstzeit in Schmiedeberg. Mit diesem Thema. Ist ja auch typisch, denke ich: Während andere jetzt mal irgendwo im Süden Urlaub machen oder einfach mal abhängen, sind wir beruflich unterwegs. Zu einer intensiven Arbeitswoche. Problemorientierte Gespräche mit Erwachsenen, 25 Kinder im Zaum halten. Ein Programm tüfteln mit hohem kreativem Anspruch, Überforderungsgefühl inklusive. Ja, typisch für die Pfarrers, die können nicht mal Fünfe grade sein lassen. Während ich das schreibe, kommt meine Frau rein und meint: Ist ja mal wieder typisch, du schreibst schon wieder wie wild am PC. Typisch meine Frau – hat doch meistens irgendwas an mir auszusetzen. Sollte doch lieber mal die Kinder einspannen, aber die sitzen vor ihren elektronischen Spaßgeräten – typisch. Anstatt draußen rumzutoben. Die Jugend von heute eben. Aber wer weiß wie lange das noch gut geht. Besonders jetzt, wo die vielen Fremden zu uns kommen (man will ja nicht alle über einen Kamm scheren – Gott bewahre), aber das ist doch offensichtlich, wie die hier unsere Sozialleistungen abfassen (da zählt nur Geld, Sachspenden landen meist in der Tonne). Und am Ende übernehmen die hier das Kommando. Typisch Islam, der ist ja immer so aggressiv und kann nur mit Bomben, sieht man ja, wo man hinguckt. Auswandern? Nach Polen vielleicht, das ist wenigstens noch christlich, naja, katholisch. Aber ausgerechnet Polen? Die klaun doch da wie verrückt, weiß doch jeder, typisch Polen. Verfahrene Kiste.
Wie weiter? Gott? Ja, was macht DER eigentlich in dem ganzen Schlammassel? Seufz! Hält still, nix zu hören von IHM (nur manchmal Verlautbarungen von dem hyperaufgeregten Bodenpersonal), ER selbst hält sich raus und bleibt der Gütige Opa, Total Taub, typisch eben. Kein Wunder, dass das keinen mehr in die Kirche zieht.
Moment! Kurz zurückspulen, bitte! Ist Gott vielleicht doch anders – ganz anders? Der Ganz Andere? Viel näher, kraftvoller, lebendiger als in meiner Vorstellung? Ups, da fällt mir grad ein: In Polen hat mich selbst eigentlich noch nie jemand beklaut. Und ob man mit den allermeisten Muslimen vielleicht doch – ich kenn hier nur den Dönermann, der ist o.k. – ganz vernünftig reden kann? Oh, höre eben: Mein Sohn unterhält sich nebenan. Ist doch sozialer als ich dachte, und – Schock! – meine Frau gibt mir im Vorbeigehen überraschend einen Kuss.
Echt ätzend, kaum hatte ich mir ein klares Bild von der Sachlage gemacht, ist alles wieder über den Haufen geworfen – das ist mal wieder typisch.
Einen typisch verregnet-überraschenden November wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Thomas Markert