8/2015

Pfarrer Jonathan HahnVon Schüssen und einer Flagge – und von Vergebung

Es war dieser Tage eine Meldung eher am Rande: Das Parlament des US-Bundesstaates South Carolina entschied sich dafür, die alte Südstaatenflagge vor dem Parlamentsgebäude einzuholen und nie wieder dort wehen zu lassen. Unter dieser Flagge waren Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die südlichen Bundestaaten der USA in den Bürgerkrieg gegen die nördlichen Staaten gezogen. Eines ihrer Kriegsziele war es, die Sklaverei beizubehalten. Sie verloren den Krieg- die Flagge aber, ein Symbol für Unabhängigkeit, blieb. Bis zu den Schüssen am 17. Juni, die ein rassistischer, weißer junger Mann in einer Kirche in Charleston abgab. Sie galten den schwarzen Geschwistern, die dort zu einer Bibelstunde zusammengekommen waren. Neun von ihnen starben. Bei Licht betrachtet, ist solch ein Vorkommnis keine Ausnahme: Amokläufe gibt es in den USA regelmäßig. Terrorakte weltweit auch jeden Tag. Und dass Christen diskriminiert werden, ist auch nichts besonderes (weltweit leiden 100 Mio Christen unter Verfolgung und Benachteiligung!).

Sehr ungewöhnlich aber waren Reaktionen der betroffenen Mitchristen und Verwandten nach dieser Tat. Unter Tränen rangen sich einige von ihnen vor laufenden Kameras dazu durch, dem Täter zu vergeben. Darunter war auch Anthony Thompson, dessen Frau bei dem Amoklauf tödlich getroffen wurde. Er sagte: „Ich vergebe dir, meine Familie vergibt dir. (…) Gib dein Leben demjenigen, der der Wichtigste ist – Jesus Christus –, damit er dein Leben verändern kann.“ Schließlich wurde eine breite Öffentlichkeit Zeuge, wie Tausende bei der zentralen Trauerfeier eine Woche später gemeinsam das Lied „amazing grace“ anstimmten, in dem es u.a. heißt: „Ich war einst verloren- aber nun bin ich gefunden, einst war ich blind- jetzt kann ich sehen.“

Mich haben die Bilder, Fernsehaufnahmen und Worte dieser Christen sehr berührt. Es ist fast unglaublich, welche innere Kraft die Betroffenen gehabt haben müssen, um einem Mörder zu vergeben. Ja, noch mehr: Diese Vergebung wirkt fast unreal in unserer Welt. Sie wirkt wie die Durchbrechung des Menschengesetzes: „Wie du mir, so ich dir.“ Und etwas zweifelnd frage ich mich natürlich, wie ich selber mich verhalten würde. Erfahre ich durch Jesus eine so große Stärkung, dass ich vergeben kann? Oder ist er nur so eine kleine Zutat in meinem Leben, und wehe es läuft mal schief? Ich denke aber auch: „Hätten die Christen in Charleston ihren Glauben nicht so aktiv gelebt, hätten sie sicher auch keine Kraft zur Vergebung gehabt….“ Innere Kraft und Jesusgemäßes Leben scheinen sich also irgendwie zu entsprechen.

Die Meldung mit der Südstaatenflagge erinnerte mich wieder an diese Ereignisse- und an meine Fragen. Zuerst hoffe und bete ich, dass ich vor solchen Situationen bewahrt bleibe. Aber nicht nur das: Ich möchte einen Glauben leben, der sich an Jesus orientiert, damit ich, wenn es soweit kommt, nicht unvorbereitet auf die Härten des Lebens reagieren kann.

Ihnen und Euch allen herzliche Grüße, verbunden in Jesus Christus!

Ihr Pfarrer Jonathan Hahn