9/2018

Pfarrer Thomas Markert

Schmaler Erntedank

Das Erntedankfest wird in diesem Jahr vermutlich bescheidener ausfallen als in vielen Jahren zuvor. Nicht nur, weil Jahr für Jahr weniger Menschen ihre Gaben in unsere Kirchen bringen, sondern auch, weil schlicht einfach weniger zu ernten ist in diesem Jahr. Seit April ist so wenig Regen gefallen, dass viele Landwirte nicht nur um ihre Ernte, sondern sogar um ihre Existenz fürchten müssen, wenn es keine Unterstützung gibt. Und auch als Hobbygärtner oder –bauer spürt man zumindest die Wetter-Dramatik dieses Sommers.

Erntedank? Für manche könnte es im September wohl besser „Ernteklage“ heißen: So viele Früchte sind auf den Feldern und in den Gärten einfach vertrocknet. Und nun? Dass diese Wetter- und Klimaveränderungen letztendlich mit der weltweiten Erwärmung zu tun haben, wissen wir. Die Auswirkungen sind nicht nur bei uns, sondern weltweit an vielen Orten sogar noch weit dramatischer zu spüren. Wir wissen oder ahnen zumindest (schuldbewusst oder ohnmächtig), dass das auch etwas mit unserem Wirtschaften und unserem Lebensstil zu tun hat. Südafrikanische Erdbeeren im Januar, mit dem Flugzeug zum Kurzurlaub nach Ägypten, Reizwort Kohleausstieg – die Erderwärmung ist eine Kehrseite unserer Freiheit, oft auch unserer alltäglichen oder beruflichen Zwänge. Aber hilft der moralisch erhobene Zeigefinger weiter?  Keiner traut sich, mit Steinen zu werfen, weil wir alle im Glashaus sitzen. Weil wir letztendlich alle über die Verhältnisse unserer Erde leben.

Was tun also mit Erntedank? Abblasen? Gott verantwortlich machen? Wieder viel unmittelbarer erleben, wie abhängig unser Leben in Wahrheit ist?

Lasst uns in diesem Jahr wieder Erntedank feiern, über das traditionelle und irgendwie müde gewordene Ritual hinaus. Nicht nur das in die Kirche bringen, was übrig ist. Lasst uns wieder wirklich Dankbarkeit entwickeln, auch für die kleinen Früchte des Gartens und die nur knapp gewachsenen Früchte der Felder. Lasst uns die Trägheit des Überflusses abschütteln und die Fülle des kleinen Ertrages fassen. Immer neu dankbar empfangen, was da ist. Auch aus den Sorgen heraus Gott loben.

Das wird die Erderwärmung nicht unbedingt aufhalten, aber es schenkt uns die innere Größe, uns selbst wieder zu begrenzen. Das wird unseren Wirtschaftskreislauf nicht maßgeblich verändern, aber es ist ein Zeichen der Hoffnung für die Zukunft. Es wird die Existenzsorgen der Landwirte nicht beiseite wischen, aber es hilft, ein wetterunabhängiges Vertrauen daneben zu stellen.

Schmale Ernte, ja, und trotzdem – oder gerade deswegen – ein großer Dank!  Versuchen wir, es gemeinsam zu üben – in den kommenden Erntedankwochen. Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfr. Thomas Markert