9/2010

Pfarrerin Dorothee Markert

Pfarrerin Dorothee Markert

Liebe Leserinnen und Leser,
in vielen Gesprächen wird mir in letzter Zeit bewusst, was wir alle miteinander nötig brauchen: nämlich dass wir uns versöhnen. Versöhnen mit dem Schmerzhaften unserer eigenen Kindheit. Versöhnen mit Menschen, die uns verwandtschaftlich nahe sind. Versöhnen mit unserer Lebensgeschichte. Meinetwegen auch mit dem Nachbarn und mit dem Arbeitskollegen oder mit dem Angestellten auf dem Arbeitsamt. Wir begegnen anderen (und unserer eigenen Geschichte), als ob wir in den Krieg ziehen: innerlich gewappnet und zähneknirschend. Hier schreibe ich Ihnen nun eine Geschichte auf, die mich immer wieder stark berührt, wenn ich sie lese. Ich schreibe sie Ihnen auf, damit auch Sie berührt werden von der Kraft und dem Befreienden, was sich hinter Versöhnen verbirgt. Und damit Sie einen ersten Schritt wagen zu neuem Verstehen und Vergeben.
Ein Mann hatte eine lange Haftstrafe abzusitzen. Als der Tag seiner Entlassung nahte, schrieb er einen Brief nach Hause: „Ich habe Schande über die Familie gebracht und verstehe, wenn Ihr mich nicht mehr sehen wollt. Gebt mir ein Zeichen!“ Er nannte den Tag, an dem er entlassen werden sollte und schrieb weiter: “Ich werde mit dem Zug an Eurem Haus vorbeifahren. Wenn Ihr mich wieder aufnehmen wollt, dann hängt ein weißes Tuch in den Baum vor dem Haus. Wenn ich kein Tuch sehe, werde ich weiterfahren, Ihr werdet mich nie mehr sehen.“
Die Entlassung kam, und der Mann saß im Zug. Als sein Dorf nahte, vermochte er nicht aus dem Fenster zu sehen. Er beschrieb einem Mitreisenden das Haus und den Baum davor und bat ihn, für ihn hinauszusehen. Der Mitreisende tat so, und als die Stelle kam, rief er laut aus: „ALLES WEISS – DER GANZE BAUM HÄNGT VOLLER WEISSER TÜCHER!“
Viel Mut und Phantasie wünsche ich Ihnen beim Ausspannen Ihrer „weißen Tücher“!
Im Namen aller Mitarbeitenden und KirchenvorsteherInnen grüßt Sie herzlich
Ihre Dorothee Markert, Pfarrerin.